„Gewaltfreie Erziehung ist kein Ideal, sondern Pflicht“

Am 30. April ist der Tag der gewaltfreien Erziehung. Für den Kinderschutzbund Bayern ist klar: Gewalt gegen Kinder ist nicht nur körperlich – sie beginnt oft viel früher, im Alltag von Familien, Kitas und Schulen. Ein zentrales Stichwort dabei ist Adultismus – also die strukturelle Benachteiligung von Kindern aufgrund ihres Alters.

Im Kurzinterview erklärt Alexandra Schreiner-Hirsch, pädagogische Leiterin beim Kinderschutzbund Landesverband Bayern, warum gerade diese Form von Gewalt häufig übersehen wird, was das mit Kinderrechten zu tun hat – und warum das Thema auch politisch stärker in den Fokus gehört.

Frau Schreiner-Hirsch, wenn wir über Gewalt in der Erziehung sprechen, denken viele zuerst an körperliche Übergriffe. Sie sagen: Gewalt beginnt viel früher. Was meinen Sie damit?

Alexandra Schreiner-Hirsch: Gewalt beginnt oft viel früher – nämlich dort, wo Kinder systematisch übergangen, nicht ernst genommen oder klein gemacht werden. Ein genervtes „Jetzt sei endlich ruhig“, ein wütendes „Wie alt bist du eigentlich?“ oder Entscheidungen, die konsequent über die Köpfe von Kindern hinweg getroffen werden im Sinne von „Das geht Dich nichts an“ – das sind alltägliche Situationen, die wir häufig gar nicht als problematisch wahrnehmen. Für Kinder sind sie aber prägend. Sie erleben: Meine Stimme zählt nicht. Ich bin unwichtig, wertlos und entbehrlich. Und genau das ist eine Form von seelischer Gewalt.

Sie sprechen in diesem Zusammenhang von Adultismus. Warum ist dieses Konzept nach wie vor so relevant?

Alexandra Schreiner-Hirsch: Adultismus beschreibt ein tief verankertes Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern. Und dieses Machtgefälle wird im Alltag ständig reproduziert – oft unbewusst. Gerade in Zeiten, in denen in Bayern wieder intensiv über Erziehung, Leistungsdruck oder auch Verbote diskutiert wird, müssen wir genauer hinschauen: Geht es wirklich um das Wohl der Kinder – oder darum, dass Erwachsene Kontrolle behalten und „gewinnen“ wollen?

Adultismus macht sichtbar, dass Kinderrechte nicht nur ein politisches Thema sind, sondern jeden Tag im Kleinen entschieden werden.

Können Sie konkrete Beispiele nennen, wie sich das im Familienalltag zeigt?

Alexandra Schreiner-Hirsch: Ja, viele Beispiele sind ganz banal:

Wenn Kinder nie ausreden dürfen.

Wenn ihre Gefühle heruntergespielt werden – „Ist doch nicht so schlimm“.

Wenn immer über ihren Kopf hinweg entschieden wird – etwa bei Freizeit, Kleidung oder Freundschaften. „Die Hose nehmen wir“!

Oder auch: Wenn Kinder regelmässig für Bedürfnisse bestraft werden, die völlig altersgerecht sind – etwa für Lautstärke, Bewegungsdrang oder Emotionen.

Das Problem ist nicht, dass Eltern Grenzen setzen – das müssen sie. Das Problem ist, wie wir das tun. Ob wir Kinder dabei respektieren und wertschätzen oder beschämen und ihnen seelische Narben zufügen.

Welche Folgen hat dieses Verhalten für Kinder?

Alexandra Schreiner-Hirsch: Kinder entwickeln ihr Selbstbild aus dem, was sie täglich erleben. Wenn sie ihre Kindheit über stets erfahren, dass ihre Perspektive nicht interessiert, unwichtig oder falsch ist, verinnerlichen sie genau das. Sie werden unsicher, ziehen sich zurück, passen sich übermäßig an oder werden wütend und aggressiv.

Gleichzeitig lernen sie: „Der Stärkere gewinnt“, „Beschämen ist erlaubt“. Das ist eine gefährliche Botschaft – auch für unsere Gesellschaft. Gewaltfreie Erziehung bedeutet deshalb immer auch, Macht kritisch zu reflektieren.

Was hat das mit Kinderrechten zu tun – und wo sehen Sie hier Handlungsbedarf in Bayern?

Alexandra Schreiner-Hirsch: Kinder haben ein Recht auf Schutz, Förderung und Beteiligung sowie auf gewaltfreie Erziehung (§ 1631 BGB). Das ist kein „Nice-to-have“, sondern völkerrechtlich verbindlich und gesetzlich geregelt. Trotzdem erleben wir im Alltag oft das Gegenteil.

Gerade in Bayern sehen wir, dass Kinderperspektiven in politischen Debatten häufig zu kurz kommen – ebenso wie in der Bildungspolitik, bei Fragen der Mediennutzung oder im Familienalltag.

Deshalb fordern wir: Kinderrechte müssen konsequent mitgedacht und wirklich gelebt werden – in Gesetzen, in Institutionen und im täglichen Umgang. Und sie müssen endlich auch auf Landesebene stärker verankert werden.

Was können Eltern konkret tun, um gewaltfreier und auf Augenhöhe zu erziehen?

Alexandra Schreiner-Hirsch: Es geht nicht um Perfektion, sondern um Haltung. Vier Dinge sind zentral:

  • Zuhören statt übergehen: Kinder ernst nehmen – auch wenn es im Alltag schnell gehen muss.
  • Erklären statt bestimmen: Entscheidungen nachvollziehbar machen.
  • Reflektieren statt reagieren: Sich fragen „Was will ich, dass mein Kind jetzt lernt?“
  • Unterstützung suchen statt allein durchwurschteln: Sprechen Sie mit anderen Eltern über Ihre Erfahrungen. Auch Angebote wie Elternkurse (z.B. Starke Eltern – Starke Kinder® vom Kinderschutzbund) oder kostenlose Erziehungsberatungsstellen können helfen, einen gewaltfreien Erziehungsstil zu finden. Sie sind nicht allein – Adultismus abzulegen ist ein Lernprozess für uns alle.

Und ganz wichtig: Auch Eltern dürfen Fehler machen. Entscheidend ist, dass wir bereit sind, unser Verhalten zu hinterfragen.

Ihr Fazit zum Tag der gewaltfreien Erziehung?

Alexandra Schreiner-Hirsch: Gewaltfreie Erziehung ist kein Ideal, sondern verpflichtend für uns alle. Siehe §1631 Abs 2. – da steht: „Das Kind hat ein Recht auf Pflege und Erziehung unter Ausschluss von Gewalt, körperlichen Bestrafungen, seelischen Verletzungen und anderen entwürdigenden Maßnahmen.“

Wenn wir wollen, dass Kinder wertschätzend, respektvoll und demokratisch handeln, müssen wir ihnen genau das auch vorleben, denn Respekt und Wertschätzung sind keine Einbahnstraße.

Das beginnt nicht in großen politischen Debatten, sondern jeden Tag – im Kinderzimmer, im Klassenzimmer und in der Kita.